Zwischen Athen und Sparta kracht es gewaltig – und ich bin mittendrin. Der Peloponnesische Krieg ist nur eines von vielen Szenarien, das den Werdegang des Hauptcharakters – in meinem Fall Kassandra – prägt. Assassin's Creed Odyssey hat sich auf die Fahnen geschrieben ein "echtes" Rollenspiel zu sein. Origins wollte das 2017 auch schon, aber diesmal vollzieht Ubisoft den Genre-Wandel und erfindet Assassin's Creed neu – schon wieder.

Entscheidungen & ihre Konsequenzen: Ein echtes Rollenspiel

"Sieht aus wie Origins" – war sicher nicht nur mein Gedanke, als die ersten Bilder zu Odyssey enthüllt wurden. Schließlich baut das technische Gerüst des Spiels auf dem Vorgänger auf. Damit enden die großen Gemeinsamkeiten schon, denn spielerisch geht Odyssey andere Wege. Während Bayeks Entscheidungen im Alten Ägypten vorgegeben waren, lässt mir Ubisoft diesmal die Wahl.

Ich beeinflusse den Ausgang jeder Quest – und erfahre erst später von den Konsequenzen meiner Entscheidungen. Ein Beispiel: In einer Mission werde ich von Priestern vor die Wahl gestellt, eine Familie vor dem sicheren Tod zu bewahren oder ihnen das Leben zu retten. Der Risikofaktor: Die Familie ist schwer krank. Ich habe die Warnungen der Priester ignoriert und sie trotzdem gerettet.

Später erfahre ich, dass auf der Insel der Familie eine schwere Epidemie ausgebrochen ist. Und tatsächlich: Dort laufen weniger Menschen herum und die übrigen, die sich noch dort befinden, sehen krank und gebrechlich aus. Jede Entscheidung hat Konsequenzen und in diesem Fall ging es nur um eine kleine Nebenmission.

Beim Quest-Design hat sich Ubisoft deutlich an CD Projekt REDs The Witcher 3 orientiert. Hauptmissionen starten mehrere Sub-Quests, die ineinander verzweigt sind und selbst hinter einer simplen Nebenmission kann sich eine ganze Quest-Reihe verstecken, die mich für mehrere Stunden beschäftigt. Während Origins hier noch an der RPG-Oberfläche gekratzt hat, gibt mir Odyssey das, was ich mir gewünscht habe: Ein waschechtes Rollenspiel. Ich habe tatsächlich das Gefühl, mit Kassandra meine eigene Geschichte zu spinnen.

Jeder Kampf kann tödlich enden

Der Tiefgang überträgt sich auch auf die Kämpfe. Zwar ähnelt das Level-Up-System dem von Origins, hebt sich aber durch die aktiven Skills vom Vorgänger ab. Fähigkeiten wie den "Spartaner Tritt" oder Flächenangriffe mit Pfeil und Bogen aktiviere ich per Knopfdruck – und ohne den Einsatz der Skills habe ich in den Kämpfen oft keine Chance.

Aber auch mit deren Verwendung sind die Auseinandersetzungen kein Spaziergang. In Odyssey ist Taktik gefragt – das Kampfsystem bestraft Fehltritte. Denn genau wie Kassandra/Alexios beherrschen auch die Soldaten von Athen und Sparta Spezialattacken.

Das sorgt dafür, dass Konfrontationen auch mit Level 20 noch genauso spannend sind wie mit einem Assassinen, der gerade von der ersten Insel aufbricht. Natürlich kann ich auch lautlos vorgehen und versuchen, den offenen Kampf zu vermeiden. Es handelt sich hier immerhin noch um Assassin's Creed.

Der andere Grund, weshalb Kämpfe nie zu einfach werden, ist das Level-Up-System von Odyssey. Steigt Kassandra auf, erhöht sich auch die Stufe aller anderen Lebewesen. Assassin's Creed levelt mit mir auf – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Anfangsgebiete pendeln sich irgendwann zwei Stufen unter meiner aktuellen ein.

Zugegeben, eine Spielwelt, deren Level mit meinem steigt, sagt nicht jedem zu. Mir hat der gleichbleibende Anspruch aber gefallen. In Origins waren viele Kämpfe ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch nervtötend – vor allem wenn mich Krokodile und Co. angegriffen haben. In Odyssey hingegen ist jeder Sieg verdient und selbst auf Stufe 30 endet ein Kampf gegen einen Eber tödlich, wenn ich nicht auf der Hut bin. Das bedeutet aber natürlich auch, dass man nie das Gefühl hat, übermächtig zu sein.

Krieg in griechischen Gewässern

Black Flag hatte sie und Origins auch: Schiffskämpfe sind ein fester Bestandteil von Assassin's Creed Odyssey und zwar ein ziemlich großer. Diesmal gibt es für meine Triere ein eigenes Progressionssystem, in das ich viel Zeit investieren kann. Upgrades für das Schiff verschlingen viele Ressourcen. Ganz ohne Grinding ist es nicht möglich, das Schiff auf die höchste Stufe zu verbessern – und Upgrades sind nötig, um in den griechischen Gewässern zu überleben.

Die Mechanik gleicht der von Assassin's Creed 4: Black Flag, verzichtet aber auf das gezielte Plündern von Ressourcen. Diesmal kann ich auch wieder Verstärkung für meine Crew rekrutieren, die die Fähigkeiten meiner Triere mit ihren eigenen Perks aufwertet.

Mein Piratenherz höher schlägen lässt die Möglichkeit, feindliche Schiffe zu kapern. Hier verbindet Odyssey gekonnt die Seeschlachten mit Nahkämpfen – feindliche Schiffe zu kapern hat auch einen sinnvollen Zweck: Nachdem ich die Crew beseitigt und die Triere versenkt habe, regeneriert sich die Lebensenergie meines Schiffs.

Für alle See-Muffel: Dank der Schnellreisepunkte auf den Inseln lässt sich die Zeit auf den griechischen Gewässern minimieren – aber wer will das schon? Die Seeschlachten sind eine unterhaltsame Abwechslung zu den anderen Gameplay-Schwerpunkten in Odyssey. Kämpfe gegen Piraten, Spartaner oder die Soldaten Athens – ich kann mich auf hoher See genauso mit allen Parteien anlegen, wie an Land. Spielerisch ist Ubisoft auf Nummer sicher gegangen und hat keine großen Piraten-Experimente gewagt, dafür profitiert Odyssey aber als Gesamtprodukt von der spielerischen Abwechslung.

Die Odyssee schwächelt in der Gegenwart

Einzig in der Gegenwart büßt Odyssey – genau wie die Vorgänger – etwas vom Zauber ein. Schon seit ein paar Spielen scheint es Ubisoft nicht zu gelingen, mit der Handlung der Gegenwart das Niveau der Vergangenheits-Szenarien zu erreichen. Vielleicht ist es an der Zeit, diesem Teil der Story einen Neustart zu verpassen – oder ihn komplett zu tilgen.